Ein Kunstprojekt zu Dresdner Erinnerungsorten an Nationalsozialismus, Krieg und Zerstörung

ORT 71 | Heidestraße 2 / Ecke Riesaer Straße

Im Januar 1949 wurden vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Sachsen zehn Personen angeklagt, die man für Misshandlungen und unmenschliche Arbeitsbedingungen von Zwangsarbeiter:innen in den Jahren 1941 bis 1945 verantwortlich machte. Der Prozess fand am Ort des Geschehens statt – im »Gemeinschaftshaus« des ehemaligen Goehle-Werkes, einem von der Firma Zeiss Ikon betriebenen Rüstungsunternehmen, das feinmechanische Komponenten für die Luftwaffe herstellte. Angesichts des dramatischen Arbeitskräfte­mangels war der Betrieb auf Hunderte Zwangsarbeiter:innen angewiesen. Unter ihnen befanden sich Menschen aus den von Deutschland besetzten Teilen Europas, aber auch 300 jüdische Dresdner:innen, die hier zum Rüstungseinsatz gezwungen wurden. Am 3. März 1943 deportierte man die jüdischen Arbeitskräfte nach Auschwitz, wo nahezu alle ermordet wurden. Ab 8. Oktober 1944 stellte die SS bis zu 700 weibliche KZ-Häftlinge als Ersatz. Sie kamen aus der heutigen Ukraine, dem heutigen Russland und Polen aber auch aus Frankreich, Holland und Italien.

Im Gerichtsprozess 1949 wurden der stellvertretende Betriebsleiter des Goehle-Werkes, mehrere Meister und SS-Aufseherinnen angeklagt. Die Verhandlungen fanden öffentlich statt und wurden über Lautsprecher in den Hof des Werkes und in den Straßenraum vor dem Verhandlungsaals übertragen. Im Ergebnis eines weitgehend rechtsstaatlich geführten Verfahrens konnte den Angeklagten die brutale und menschenverachtende Behandlung der Zwangs­arbeiter:innen nachgewiesen werden. Der stellvertretende Lagerleiter Nitsche, die Meister Dietze, Senkpiel und Dietrich, die SS-Auf­seherinnen Schmidt und Schreiber wurden zu Zuchthausstrafen verurteilt. Die Lagerleiterin Röthing, der Meister Käufer und die Aufseherin Vollrath erhielten Gefängnisstrafen. Der besonders belastete Angeklagte Rupp war nach Westdeutschland geflohen und wurde in Abwesenheit verurteilt.

In Sachsen verurteilten ostdeutsche Gerichte zwischen 1946 und 1955 ca. 3.000 Personen wegen Verbrechen im Zusammenhang mit Zwangsarbeit. Damit wurden längst nicht alle Täter:innen belangt. Dennoch erreichte man eine vergleichsweise hohe Dichte in der Strafverfolgung.

In January 1949, ten individuals were charged before the Grand Criminal Chamber of the Saxony Regional Court for mistreating forced labourers and subjecting them to inhumane working conditions between 1941 and 1945. The trial took place at the scene of the crime – in the „Gemeinschaftshaus“ („community centre“) of the former „Goehle-Werk“, an armaments company operated by Zeiss Ikon that manufactured precision components for the Luftwaffe. In view of the dramatic labour shortage, the company was dependent on hundreds of forced labourers. Among them were people from parts of Europe occupied by Germany, but also 300 Jewish Dresden residents who were forced to work in the arms industry here. On 3 March 1943, the Jewish workers were deported to Auschwitz, where almost all of them were murdered. From 8 October 1944 onwards, the SS replaced them with up to 700 female concentration camp prisoners.They came from what is now Ukraine, Russia and Poland, but also from France, Holland and Italy.

In the 1949 trial, the deputy manager of the Goehle-Werk, several foremen and SS guards were charged. The proceedings were held in public and broadcast via loud-speakers in the factory courtyard and in the street outside the courtroom. As a result of a trial conducted largely in accordance with the rule of law, the defendants were found guilty of the brutal and inhumane treatment of the forced labourers. Deputy camp commander Nitsche, foremen Dietze, Senkpiel and Dietrich, and SS guards Schmidt and Schreiber were sentenced to prison terms. Camp commander Röthing, foreman Käufer and guard Vollrath received prison sentences. The particularly incriminated defendant Rupp had fled to West Germany and was sentenced in absentia.

In Saxony, East German courts convicted approximately 3,000 people between 1946 and 1955 for crimes related to forced labour. This means that by no means all perpetrators were prosecuted. Nevertheless, a comparatively high rate of prosecution was achieved.