Ein Kunstprojekt zu Dresdner Erinnerungsorten an Nationalsozialismus, Krieg und Zerstörung

Dresden 1945

von Matthias Neutzner (2006)

I.

Erwähnt man die Stadt Dresden und die Jahreszahl 1945 so ist die Katastrophe sofort gewärtig: Im Gedächtnis der Welt ist die Dresdner Bombennacht des 13. Februar 1945 verzeichnet. Die Illustrationen des Geschehens münden in einem Wort: »Feuersturm«, die Zusammenfassung in einer Wendung: »Zerstörung Dresdens«. Die Internet-Suchmaschine Google verzeichnet 1,2 Millionen Internetseiten, in denen die Worte »Dresden« und »Zerstörung« gemeinsam vorkommen1 – ein Viertel mehr als für die Kombination des Stadtnamens etwa mit »Barock«, obwohl doch die Tourismuswerbung seit weit mehr als einem Jahrhundert vom Ruhm der barocken Kunststadt kündet. Auch im Bildkanon der Welt steht das fotografisch festgehaltene Motiv der endlosen Trümmerlandschaft der Stadt, auf die eine steinerne Turmfigur zeigend und anklagend weist,2 wohl deutlicher für den Städtenamen »Dresden« als selbst die kecken Engelsknaben aus Raffaels »Sixtinischer Madonna«, die eher selten mit ihrer Heimat seit gut 250 Jahren – Dresden – in Verbindung gebracht werden. Der Vergleich »wie Dresden« ist weltweit vor allem dann verständlich, wenn es gilt, zerstörte Städte und militärische Gewalt gegen Zivilisten zu beschreiben.

So wird das Geschichtssymbol Dresden noch heute unablässig verwendet: Als Argument in politischen Auseinandersetzungen, als Bezugsgröße in Vergleichen oder eben als Illustration für ähnliches, aktuelles Geschehen. Diese seit mehr als 60 Jahren anhaltende öffentliche und weltweite Präsenz hat dazu geführt, dass die traumatische Erfahrung des Feuersturms das Bild Dresdens in der Zeit der Nazi-Diktatur und des Zweiten Weltkrieges dominiert: Dresden vor dem Februar 1945 wird als Stadt vor der Zerstörung erinnert. Die Beschreibung ihrer einzigartigen Schönheit bildet den Ausgangspunkt für die Erzählung der Vernichtung; die Darstellung als friedliche Kunststadt – scheinbar fernab des Krieges – dient als Gegensatz zur Schilderung zehntausendfachen Sterbens. Im Erinnern an das »Danach« scheint mit der Bombennacht der Krieg für Dresden zu enden. Im öffentlichen und privaten Gedenken der Nachkriegsjahre verdeckt das Erinnerungsbild der zerstörten Kunststadt die anderen Gesichter des städtischen »Davor« – die NSDAP-Gauhauptstadt, die Rüstungsstadt, die Militärstadt, die Stadt nationalsozialistischer Verbrechen; aber auch den Lebensort für mehr als 600.000 Menschen, die hier den gleichen Kriegsalltag zwischen Normalität und Katastrophe erlebten wie Millionen andere deutsche Großstadtbewohner auch.

Ende April 1945 notierte eine Dresdnerin für ihre Enkeltochter Erinnerungen an »eine der schönsten Städte des schönen deutschen Landes«, die nunmehr zerstört war: »Reges Kunstleben, fleißiges Geschäftsleben, friedliches Bürgerleben, das war Deine Geburtsstadt.«3 Ähnlich erinnert sich der amerikanische Schriftsteller Curt Vonnegut in seinem Roman »Schlachthof 5« an die Ankunft als Kriegsgefangener in »der bezauberndsten Stadt, welche die meisten Amerikaner jemals gesehen hatten« und zeichnet ein fast sorgloses Großstadtleben: »Fröhlich pfiffen noch Dampfheizungskörper in Dresden, Straßenbahnen ratterten, Telefone klingelten und wurden beantwortet.«4 Liest man die Tagebücher des jüdischen Dresdners Victor Klemperer, so offenbart sich eine durchaus andere Seite der Stadt: Geprägt vom Krieg, in Angst lebend und schuldig an Verbrechen gegen ganze Gruppen seiner Bürger. In der Schilderung der Katastrophe jedoch treffen sich die Erfahrungen – im Erzählten genauso wie in der Sprachlosigkeit des Unbeschreiblichen.

Die Beispiele machen klar: Dresden 1945 muss aus der Perspektive möglichst vieler Zeitzeugen erinnert werden. Dazu gehören die Besucher der Kreuzchor-Konzerte ebenso wie die der NSDAP-Kundgebungen. Die Zwangsarbeiter in den Rüstungsbetrieben wie die Dresdner, die dort arbeiteten. Die KZ-Häftlinge in den Dresdner Lagern wie die »Betriebsführer«, die ihre Lager verwalteten. Die Flüchtlinge aus dem deutschen Osten, wie die aus der Stadt evakuierten Dresdner Kinder. Und weitere mehr. Alle diese Erinnerungen haben ihre Orte in der Topografie der Stadt und in ihrer Identität. Sie sind Gravuren der Diktatur und des Krieges.

II.

Im britischen »Zone Map Information Sheet« – einer mehrseitigen Beschreibung, wie sie für jede größere deutsche Stadt existierte – wurde Dresden 1942 als »die historische Hauptstadt Sachsens« charakterisiert, als »Verwaltungszentrum« und »Industriestandort von erheblicher Bedeutung«. Das Dossier verzeichnete korrekt die wichtigen Verwaltungs- und Militäreinrichtungen, die Verkehrs- und Industrieanlagen der Stadt. Ihre im Durchschnitt geringe Bevölkerungsdichte ließ sie nur in Teilen als geeignetes Ziel für Flächenangriffe aus der Luft erscheinen: Der Bericht beziffert die, wie es heißt, »verwundbare Fläche« der Stadt auf ca. 7 Quadratmeilen, in denen das historische Stadtzentrum ebenso eingeschlossen war, wie die Eisenbahn- und Industrieanlagen westlich und südlich davon. 1944 fotografierten alliierte Aufklärer Dresden systematisch, etwa jeden zweiten Monat erschienen sie über der Stadt. Ihre Aufnahmen wurden zu detaillierten Zielkarten der aus militärischer Sicht wichtigen Anlagen verarbeitet: Rangierbahnhof Friedrichstadt, die ausgedehnten Bahnanlagen auf beiden Elbseiten, die Fabriken des Industriegeländes entlang der Königsbrücker Straße, an der Zwickauer Straße, ein großes Tanklager in der Friedrichstadt.5

Während der Krieg immer näher an Dresden heranrückte, war in der äußerlich noch unbehelligten Stadt das millionenfache Sterben in ganz Europa nur aus den Medien und den Erzählungen der Augenzeugen bekannt. Die »Wochenschauen« in den zahlreichen Dresdner Kinos, die Rundfunksendungen, Wehrmachtsberichte und die Kommentare der Zeitungen zeichneten ein fernes Bild des Krieges, eingepasst in die allgegenwärtige Propaganda. Je nach Erfahrung und Überzeugung, je nach Wissen und Beeinflussbarkeit nahmen die Dresdner die offiziellen Nachrichten unterschiedlich auf, vertrauten ihnen, zweifelten, durchschauten die Propaganda. Zehntausende Dresdner Soldaten und Offiziere, aber auch die in den besetzten Gebieten eingesetzten Verwaltungsbeamten und anderweitigen Fachleute, berichteten daheim von Krieg und Zerstörung, von militärischen Niederlagen und Verbrechen. Das so gezeichnete Bild des Krieges kontrastierte die zahlreichen Propagandaveranstaltungen. Als im August 1940 die Dresdner Wehrmachtseinheiten vom siegreichen Westfeldzug heimkehrten, ließen sich mehrere Hunderttausend Dresdner dieses Schauspiel nicht entgehen. Als später keine Siege mehr zu feiern waren, fanden dennoch die Platzkonzerte der Wehrmachtmusikchorps statt, wurden in Dresden »Heldengedenktage«, »Tage der Wehrmacht«, Aufmärsche und Paraden organisiert.

Ohnehin – und auch im sechsten Kriegsjahr noch unvermindert – war die Stadt stark von Militär und militärischen Einrichtungen geprägt. Uniformen gehörten zum alltäglichen Straßenbild. Als eine der größten deutschen Garnisonen der Vorkriegszeit beherbergte Dresden auch im Winter 1944/45 ca. 20.000 Militärangehörige. Die ausgedehnten Kasernenkomplexe der Albertstadt waren ebenso belegt, wie die des Luftgaukommandos in Strehlen oder der Luftkriegsschule in Klotzsche. Luftnachrichteneinheiten verfügten über Kasernen in Nickern und Klotzsche, ein SS-Pionier-Batallion in Trachau. Die Fahnenjunkerschule der Infanterie bildete Offiziersnachwuchs aus. Wie als Garnison war die Stadt als militärischer Verkehrs- und Umschlagknoten wichtig. Von Dresden aus wurden die Offiziere und Unteroffiziere der Ausbildungseinrichtungen, die Soldaten der hier aufgestellten Ersatzeinheiten, die in den zahlreichen Lazaretten der Stadt Genesenden an die Fronten des Krieges befohlen und transportiert.6

III.

So lange tausende Kilometer weit entfernt im Osten oder Westen gekämpft wurde, verbanden die Dresdner mit dem Wort »Krieg« vor allem die zahlreichen Einschränkungen und Belastungen des Kriegsalltags. Und: das allgegenwärtige Gefühl der Bedrohung – eine eher allgemeine Sorge, den Ausgang des Krieges betreffend, und oft ganz konkrete Angst um Angehörige an der Front oder in den vom Luftkrieg bedrohten Städten. Den Tagesablauf der erwachsenen Dresdner bestimmten vor allem die Arbeit, zahlreiche zusätzliche Dienste und die Organisation des täglichen Lebens.

Arbeit bedeutete Ende 1944 in vielen Fällen Tätigkeit in einem der Dresdner Rüstungsbetriebe. Das Heerswaffenamt verzeichnete weit mehr als 100 Dresdner Firmen als Lieferanten von militärischem Gerät, Waffen oder Munition, darunter alle Großbetriebe der Stadt. Die in Dresden stark vertretenen Feinindustrien – so Optik, Elektromechanik und Feinmechanik – waren für die hoch technisierte Wehrmacht wichtig. Nachrichtentechnik, Bombenzieleinrichtungen, Schiffsturbinen und Flugzeugmotoren wurden in Dresden genauso gefertigt wie etwa Munition und Granatzünder oder ganze U-Boot-Sektionen. Alle Behörden der Stadt, von der Landesregierung bis zur Deutschen Reichsbahn, waren in irgendeiner Weise mit dem Krieg beschäftigt. Die Technische Hochschule betrieb Rüstungsforschung in großem Umfang und zeichnete u.a. für wesentliche Teile der Entwicklung der »Vergeltungswaffe« V2 verantwortlich.

Für die Dresdner bedeutete das am Jahresanfang 1945 vor allem lange Arbeitstage unter zunehmend schwierigeren Bedingungen. Seit September 1944 betrug die wöchentliche Mindestarbeitszeit 60 Stunden, in einigen Rüstungsbetrieben sogar bis zu 72 Stunden – unterbrochen durch das fast tägliche Heulen der Sirenen zum Luftalarm. Im Oktober 1944 war im Zuge der Maßnahmen zum »totalen Kriegseinsatz« eine allgemeine Urlaubssperre angeordnet worden. Der bereits stark reduzierte Nahverkehr führte zu langen Arbeitswegen. Die immer deutlicheren Leistungseinbußen der Reichsbahn hatten Mangel an Rohstoffen und Zulieferungen zur Folge, ein Transport mit Kraftfahrzeugen fiel angesichts der dramatischen Treibstoffknappheit vollständig aus. Kohlen wurden immer knapper, mit Heizung und Energie musste in den Unternehmen, Verwaltungen und Haushalten noch stärker gespart werden.7

Nach Arbeitsende war die Mehrzahl der werktätigen Erwachsenen zu verschiedenen Diensten verpflichtet: Luftschutzwachen, Hilfsdienste für Rotes Kreuz und Nationalsozialistische Volkswohlfahrt, Verpflichtungen der NSDAP, der Deutschen Arbeitsfront, der Berufsorganisationen und andere mehr. Insbesondere die nächtlichen Luftschutzwachen in den Dresdner Unternehmen und Behörden stellte eine erhebliche zusätzliche Belastung dar: Bis zu zehn mal pro Monat konnten Männer zu Luftschutzdiensten eingeteilt werden, Frauen bis zu acht Mal. Nach den Nachtdiensten musste am folgenden Tag normal gearbeitet werden. Im Oktober 1944 wurden alle männlichen Dresdner im Alter von 16 bis 60 Jahren für den »Deutschen Volkssturm« gemustert – das letzte militärische Aufgebot Hitler-Deutschlands. Nunmehr waren noch zusätzlich wöchentlich sechs Stunden Ausbildung zu absolvieren, meist an den Wochenenden. Mit einer pompösen Zeremonie vereidigte der sächsische Gauleiter die Dresdner Volkssturmmänner im November 1944. Fanfaren, Trommeln und Ehrenformationen waren noch aufzutreiben, Waffen und Ausrüstung für die Volkssturmeinheiten faktisch nicht mehr.8

Insbesondere den Frauen oblag es derweil, das tägliche Leben zu organisieren. Im Mangel der Kriegswirtschaft waren alle Lebensmittel und Versorgungsgüter kontingentiert und wurden auf Zuteilungskarten ausgegeben. Dazu gab es Dutzende Berechtigungsausweise und Bezugskarten – vom Haushaltspass bis zur »Reichszusatzseifenkarte«. Die Lebensmittelrationen deckten Anfang 1945 den Grundbedarf, die Bestimmungen wechselten jedoch – je nach aktuellen Schwierigkeiten – aller Tage; jede Besorgung kostete erhebliche Zeit und Mühe. Dabei engte sich der Lebenskreis der Dresdner Familien immer mehr ein: Reisen waren nur noch zu umquartierten Angehörigen zugelassen, Paketsendungen wurden stark eingeschränkt und ab November 1944 alle privaten Telefonanschlüsse gekündigt.

Dennoch: Trotz aller Einschränkungen lebte Dresden äußerlich noch fast unverändert seinen Kriegsalltag – eine merkwürdige Mischung aus Bürgerlichkeit und Kriegsdienst. Zwar waren seit August 1944 die Theater geschlossen und das Kulturleben stark reduziert, noch aber gab es Lesungen, gelegentliche Konzerte, spielten die Kinos und der Zirkus. Weihnachten 1944 luden der Kreuzchor zur Christmette und die Hitler-Jugend zur Feierstunde in die Oper; der Gauleiter besuchte Lazarette. Alltag in Dresden, wenige Wochen vor der Katastrophe.9

IV.

Alltag im Dresden des »Dritten Reiches« bedeutete aber auch: rassistische Ausgrenzung, politische Überwachung, Gefängnis, Deportation und staatlich organisierter Mord. Wie in jeder anderen deutschen Stadt waren die nationalsozialistischen Behörden auch in Dresden bestrebt, jeden Widerstand gegen ihr Regime zu unterdrücken und die von ihnen aus ideologischen Gründen stigmatisierten Bevölkerungsgruppen auszugrenzen und schließlich aus der Stadt zu entfernen.

Bereits seit der Machtübernahme durch die NSDAP 1933 waren die jüdischen Bürger Dresdens systematisch entrechtet worden. Hunderte wurden zur Ausreise genötigt, die Verbleibenden zunehmender Entwürdigung und Schikane ausgesetzt, zum Arbeitsdienst in der Rüstungsindustrie gezwungen und ab 1940 in Zwangsquartieren konzentriert. Mit einem ersten Deportationszug im Januar 1942 begann auch in Dresden die systematische Verschleppung und Ermordung der jüdischen Einwohner. Weitere Deportationen folgten, so im März 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz. Dresden war damit weitgehend »judenfrei« geworden; im Januar 1945 lebten nur noch die 174 jüdischen Dresdner in der Stadt, die mit nichtjüdischen Ehepartnern verheiratetet waren. Die »Arbeitseinsatzfähigen« unter ihnen sollten am 16. Februar 1945 in das Ghetto Theresienstadt gebracht werden.10

Nicht nur die jüdischen Dresdner wurden zum Rüstungseinsatz gezwungen. Insgesamt mehr als 30.000 Zwangs- und Fremdarbeiter, zumeist aus Osteuropa, sowie Tausende Kriegsgefangene arbeiteten während der Kriegszeit in Dresden. Sie waren in einigen wenigen größeren und mehr als 200 kleinen Lagern in der Nähe der Einsatzfirmen untergebracht und hatten vielfältige Berührung mit den Dresdner Einwohnern – so bei der Arbeit selbst, auf dem Marsch dorthin, bei Einsätzen auf öffentlichen Straßen und Plätzen, etwa beim Bau von Luftschutzeinrichtungen. Weniger öffentlich vollzog sich der Arbeitseinsatz von Häftlingen aus Konzentrationslagern. Im Januar 1945 bestanden im damaligen Dresdner Stadtgebiet mindestens acht KZ-Außenlager mit fast 3.000 Häftlingen, die unter unmenschlichen Bedingungen in Dresdner Unternehmen und Militärdienststellen eingesetzt wurden.11

Auch in jeden anderen Aspekt nationalsozialistischer Unterdrückung und Verbrechen waren Dresdner Behörden und Dresdner integriert. Wie überall in Deutschland wurden auch hier behinderte Menschen zur Tötung selektiert und als »rassisch unwert« Eingestufte sterilisiert. Das »Deutsche Hygienemuseum« in Dresden profilierte sich als »wissenschaftliches« Zentrum der »Rassenhygiene«, während die Spezialisten der Dresdner Reichsbahndirektion den Bahnbetrieb zwischen dem Ghetto Theresienstadt und Auschwitz organisierten. Der Dresdner Polizeiapparat sorgte für Überwachung und Verhaftung von Kritikern und Menschen, die aktiven Widerstand leisteten. Im Dresdner Landgerichtsgebäude urteilte ein Sondergericht über »Volksschädlinge« und »Wehrkraftzersetzer«; im Hof des Gerichtes starben mehr als 1300 Menschen unter dem Fallbeil, darunter etwa 850 Tschechen.12

V.

Die amerikanischen Kriegsgefangenen, so schildert es Vonnegut in seinem eingangs zitiertem Roman, fühlten sich in Dresden zumindest vor dem Luftkrieg sicher. Eine trügerische Sicherheit. Zwar schien Dresden während der ersten Kriegsjahre durch seine Lage im Osten Deutschlands nicht von alliierten Luftangriffen bedroht zu sein. Spätestens aber Ende 1943, nach einem schweren Luftangriff auf Leipzig, konnte die Gefahr auch für Dresden nicht mehr verdrängt werden. Die Dresdner Behörden versuchten nun, alle Schulkinder aus der Stadt zu evakuieren und auch die nichtarbeitsfähigen Erwachsenen zum Verlassen Dresdens zu drängen. Beides schlug gründlich fehl: Die Evakuierung der Kinder scheiterte am Widerstand der Dresdner Eltern, die der Erwachsenen an fehlenden Ressourcen unter den Bedingungen der Kriegswirtschaft. Alle diese Maßnahmen aber machten den Dresdnern die Gefahr deutlich, in der sich nun auch ihre Stadt befand. Die Angst vor dem Luftkrieg hatte Dresden erreicht.13

In den Verwaltungen und Betrieben wurden nun die schon seit Jahren betriebenen Luftschutzvorbereitungen verstärkt. Einsatzstäbe bereiteten sich auf den Katastrophenfall vor. Ausweichdienststellen wurden ebenso eingerichtet, wie Sammelstellen für Obdachlose nach Luftangriffen und Rettungsstellen zur medizinischen Versorgung von Luftkriegsgeschädigten. Die Stadtverwaltung lagerte vorsorglich Hausrat für bedürftige Familien ein und bediente sich dazu unter anderem aus dem zwangsweise hinterlassenen Eigentum ausgesiedelter Juden. Einsatzgruppen zur Bergung von Hausrat aus zerstörten Häusern wurden aufgestellt. Die umfangreiche Organisation eines Vermisstennachweises entstand. Kommandos zur Bergung und Bestattung von Luftkriegstoten wurden eingewiesen, zentrale Leichensammelplätze vorbereitet und Mitte 1944 auf dem städtischen Heidefriedhof vorsorglich ein Ehrenhain für Luftkriegsopfer angelegt.

Die Verwaltungen nahmen die Bedrohung ernst und versuchten, die Stadt so umfassend als möglich auf den wahrscheinlichen Fall von Luftangriffen vorzubereiten. Bedingt durch den im Kriegsverlauf immer drückenderen Mangel an Arbeitskräften, Raum und allen sonstigen Ressourcen erwiesen sich jedoch viele ihrer Maßnahmen als undurchführbar. Das galt erst recht für Luftschutzbauten – also Bunker oder ausreichend gesicherte öffentliche Luftschutzräume. Vor 1943 schien die Stadt nicht akut gefährdet, nun war es zu spät: Alle verfügbare Baukapazität und das immer knapper werdende Material wurden für militärische Vorhaben benötigt. So waren die Dresdner auf ein Dutzend Splitterschutzgräben, auf mangelhafte öffentliche Luftschutzräume und in privater Initiative hergerichtete Hauskeller angewiesen. Für die Verantwortlichen war die Katastrophe absehbar: Ein »Luftschutzlehrplanspiel« der Behörden Ende September 1944 erwartete »größere Massen« Toter.14

Etwa zwei Wochen später, am 7. Oktober 1944, fielen in den Mittagsstunden ersten Bomben auf Dresden. Die 8. US-Luftflotte griff mit der gewaltigen Streitmacht von 1.300 Bombern Werke der Treibstoffproduktion in ganz Deutschland an. Eine kleine Gruppe, ganze 29 Maschinen, verzichtete auf den Weiterflug in das nordböhmische Brüx, von wo erste Verbände ungünstige Wetterverhältnisse gemeldet hatten, und warf ihre Bomben über dem Ausweichziel Dresden ab. Dieses Szenario wiederholte sich drei Monate später, am Mittag des 16. Januar 1945, als Dresden anstelle des Hydrierwerkes Ruhland angegriffen wurde. Zielpunkt in Dresden waren in beiden Fällen die Friedrichstädter Bahnanlagen gewesen. Dort entstanden erhebliche Schäden. Die Mehrzahl der Bomben aber fiel in dicht bebaute Stadtviertel westlich und nördlich des Stadtzentrums, 591 Menschen starben.

Während der Oktober-Angriff von den Zeitungen vollständig verschwiegen wurde, nutzten die NS-Propagandisten im Januar 1945 den neuerlichen Tod von Zivilisten nunmehr lautstark aus: An der ausführlich berichteten Gedenkfeier für die Opfer nahm neben Kreuzchor und Staatskapelle symbolhaft auch eine Kompanie Volkssturm teil. Die Dresdner liefen in Scharen zu den zerstörten Straßen, die Angst vor kommenden Luftangriffen wurde allgemein. Victor Klemperer notierte das Zitat einer jungen Dresdnerin: »Wir sitzen hier und warten auf den Tod.« In dieser Situation zogen die militärischen Befehlshaber die Dresdner Flak-Batterien ab – zunächst in wichtigere Rüstungszentren, dann in den Erdkampf an die Fronten. Ihr Personal – vor allem 16- und 17-jährige Dresdner »Luftwaffenhelfer« – wurde dort aufgerieben; die Stadt blieb völlig ohne militärischen Schutz gegen die alliierten Bomber.15

VI.

Im Dezember 1944 startete die deutsche Wehrmacht nach Monaten der Niederlagen und des Rückzugs eine überraschende und zunächst erfolgreiche Offensive in den belgischen Ardennen. Zwar konnten die alliierten Streitkräfte binnen weniger Wochen die verlorenen Gebiete zurückgewinnen, bei ihren Befehlshabern aber hinterließ der unerwartete deutsche Vorstoß einen tiefen Eindruck: Das Ende des Krieges in Deutschland schien noch schwerer kalkulierbar; die eigenen Anstrengungen mussten verstärkt werden. Im Osten beschleunigte die Rote Armee die Vorbereitungen für eine Großoffensive und ging erneut zum Angriff über. Anfang Februar hatten die sowjetischen Truppen große Teile Schlesiens erobert, die Oder erreicht und standen vor Görlitz – reichlich 100 km von Dresden entfernt.

Mehrere Millionen Einwohner aus den deutschen Ostgebieten befanden sich nun auf der Flucht vor der vorrückenden Front. In Dresden versuchten die Behörden mit umfassenden Maßnahmen, diesen Flüchtlingsstrom von der Stadt fern zu halten. Dresden wurde zum »Zuzugssperrgebiet« erklärt. Noch größere Konzentrationen von Menschen in der als hoch »luftgefährdet« angesehenen Stadt sollten unbedingt vermieden werden. Angesichts der seit Jahren bereits erschöpften Raumkapazitäten hätten sie auch nicht aufgenommen werden können. So sorgte eine umfassende Organisation dafür, dass die Flüchtlinge nicht mehr als eine Nacht in Dresden blieben. Wirksames Steuerungsmittel dafür war die Zuweisung von Lebensmittelkarten, die nur diejenigen erhielten, die zwingende Gründe für den Aufenthalt in der Stadt und zudem Wohnraum nachweisen konnten. Die große Mehrheit der Flüchtlinge wurde am Stadtrand und auf den Bahnhöfen in Empfang genommen, verpflegt, medizinisch versorgt und so rasch als möglich nach Westen weitertransportiert. Tag für Tag und Nacht für Nacht befanden sich dennoch einige zehntausend Flüchtlinge in Dresden – auf den Bahnhöfen, in den wenigen Durchgangslagern, auf der Weiterfahrt, bei Verwandten oder Freunden.16

Berlin und die Städte Mitteldeutschlands waren nun zum Hinterland der Ostfront geworden. Über ihre Bahnanlagen rollte der Nachschub für die deutsche Wehrmacht, sie beherbergten militärische Stäbe und Lazarette, erfüllten Versorgungs- und Kommunikationsfunktionen. So gerieten Cottbus, Dresden, Leipzig, Chemnitz und weitere Städte nachdrücklich ins Visier der britischen und amerikanischen Befehlshaber: Wenn sie durch konzentrierte Luftangriffe schwer zerstört und dabei ihre militärischen Funktionen beeinträchtigt würden, so das Kalkül der alliierten Stäbe, könnte das die sowjetische Offensive unmittelbar unterstützen. Die große Zahl der Flüchtlinge in der Region kam aus militärischer Sicht gelegen, würden sie doch das Chaos nach Luftangriffen im Rücken der deutschen Front zusätzlich steigern.
Die alliierten Luftstreitkräfte besaßen längst eine erdrückende Übermacht und konnten täglich mehrere Tausend Flugzeuge gegen Deutschland einsetzen. Anfang Februar 1945 begannen sie eine mehrwöchige konzentrierte Luftoffensive von bislang ungekannter Dimension. Täglich wurden mehrere Ziele bombardiert – die verbliebenen deutschen Treibstoffwerke genauso wie die verbliebenen Städte.

VII.

Nachdem tagelang ungünstiges Wetter größere Aktionen verhindert hatte setzten die westlichen Alliierten am 13. Februar 1945 den gewaltigen Militärapparat ihrer Bomberflotten erneut in Aktion. Für die kommenden zwei Nächte wurden jeweils zwischen 1300 und 1400 britische Flugzeuge gegen Deutschland befohlen; für Tagesangriffe standen eine ähnliche Menge amerikanische Bomber zur Verfügung, geschützt von bis zu 800 Jagdflugzeugen. Etwas mehr als die Hälfte der Nachtbomber war für Angriffe zuerst auf Dresden, in der Nacht darauf auf Chemnitz vorgesehen, die anderen Flugzeuge sollten vor allem Ölraffinieren in Mitteldeutschland zerstören. Auch auf den Ziellisten der amerikanischen Bomber standen Städte und Treibstoffwerke gleichermaßen, darunter ebenfalls Dresden.

Am Abend des 13. Februar 1945 funktionierte das komplexe System der nächtlichen Luftangriffe nahezu perfekt. Auf genau synchronisierten komplizierten Kursen erreichten die Angriffsverbände und Spezialgruppen die zugewiesenen Ziele. Kurz nach 22 Uhr setzten die Markierungsflugzeuge im Tiefflug ihre Leuchtbomben am Rande der Dresdner Altstadt. Wenige Minuten später trafen pünktlich und in exakter Angriffsordnung 235 schwere viermotorige Bomber über Dresden ein, die nun systematisch den Viertelkreis des befohlenen Zielgebietes bombardierten, der Zwinger und Schloss, Frauenkirche und Neumarkt – das gesamte historische Stadtzentrum Dresdens – umfasste. Nach einer Viertelstunde war die Arbeit getan, die schweren Sprengbomben hatten Hunderte Gebäude aufgerissen, zum Einsturz gebracht, sich in Straßen und Plätze gegraben. Ungezählte Feuer waren ausgebrochen; an mehreren Stellen brannten ganze Straßenzüge. Als die Bomber abflogen befand sich ein zweiter britischer Angriffsverband bereits in der Luft – doppelt so stark und geleitet von den weithin sichtbaren Bränden. Drei Stunden nachdem die ersten Bomben auf Dresden gefallen waren erreichten die 529 schweren Bomber die Stadt. Sie warfen ihre Bomben zunächst an den Rändern des brennenden, von dichtem Qualm verdeckten Stadtzentrums ab; später erneut in dessen Mitte. Nach den vierzig Minuten des zweiten Luftangriffes, gegen 2 Uhr nachts, waren die Feuer so weit ausgedehnt und gleichzeitig so verdichtet worden, dass sie sich zu riesigen Flächenbränden vereinten. Kilometerhoch schossen die Rauchsäulen in den Nachthimmel. Der Sog der quadratkilometergroßen Feuer ließ glühend heiße Orkanböen durch die brennenden Straßen fegen. Dresden verbrannte im Feuersturm.

Weit mehr als eine halbe Million Brandbomben – jede ein Brandherd – hatten den Dresdner Feuerwehren von Anfang an keine Chance gelassen. Die berstenden Sprengbomben des zweiten Nachtangriffes trafen die ausgerückten Hilfskräfte vernichtend; gegen den Feuersturm gab es keine Gegenwehr. Inmitten der Brände war die Luftschutzleitung abgeschnitten und hilflos. Die aus den Nachbarstädten eintreffenden Feuerwehren, Rot-Kreuz-Einheiten und Volkssturmmänner versuchten zu löschen, Verletzte zu bergen, Verschüttete aus den Kellern zu retten und konnten doch nur punktuell helfen. Am Morgen des 14. Februar 1945 – Valentinstag in Großbritannien und Aschermittwoch in Deutschland – lagen dichte Rauchwolken über der Stadt, in deren zerborstenen Straßenzügen es an vielen Stellen noch brannte. Kurz nach 12 Uhr mittags trafen zum dritten Mal binnen 24 Stunden schwere Bomber über Dresden ein, nun 311 amerikanische Maschinen. Im neuerlichen Hagel der Spreng- und Brandbomben wurden weitere Stadtviertel getroffen.17

Am Vormittag des folgenden Tages barst das ausgeglühte Mauerwerk der Frauenkirche unter der Last der steinernen Kuppel. Der späte Einsturz der Kirche wurde zur symbolischen Vollendung der Katastrophe; der verbleibende Schuttberg markierte nun das Zentrum einer 12 Quadratkilometer großen Fläche nahezu vollständiger Zerstörung. »Dresden war jetzt wie der Mond«, berichtete Kurt Vonnegut, »nichts als Mineralien.«18

VIII.

Inmitten dieser aufgerissenen, zerschmetterten, verschütteten Stadtlandschaft waren Tausende Menschen getötet worden – erschlagen von Bomben oder einstürzenden Gebäuden, verbrannt in der Gluthitze des Feuersturms, erstickt in den Kellern unter der brennenden Stadt. Der elende Zug der Überlebenden, die sich aus dem zerstörten Stadtzentrum schleppten, wurde für Dresden zum Sinnbild des verlorenen Krieges. Die Erfahrung von ohnmächtigem Ausgeliefertsein und Todesangst, von Zerstörung und Verlust war nun eingeschrieben in die Biografien der Menschen und der Stadt.

In den Morgenstunden des 14. Februar erreichten die Davongekommenen die Vororte, wurden von Verwandten oder Freunden aufgenommen oder in den Auffangstellen am Stadtrand registriert, provisorisch versorgt und dann aus der Stadt heraus geschickt – zu Fuß, mit LKW, Bahn oder Elbschiffen. Militäreinheiten aus den Kasernen im Norden Dresdens – außerhalb der Zielsektoren der Bomber gelegen und daher unzerstört – und Kriegsgefangene aus den Lagern am Stadtrand begannen nun, sich einen Weg durch die verschütteten Straßen zu bahnen, Eingeschlossene aus den Kellern zu befreien, Verletzte und Tote zu bergen. Die von den Dresdner Behörden so sorgfältig für den Notfall vorbereiteten Maßnahmen mussten angesichts der Größe der Katastrophe versagen. Alle Dienststellen im Inneren der Stadt waren ausgefallen, die Fahrzeuge und Hilfsmittel zerstört, die Helfer getötet, verletzt oder zerstreut. Nach dramatischen Hilfeappellen aus der schwer getroffenen Stadt wurden aus Berlin leitende Beamte samt ihrer Stäbe nach Dresden gesandt. Aus ganz Mitteldeutschland kamen Nachrichtentrupps, Einheiten der Technischen Nothilfe, medizinische Hilfskräfte, Lebensmittel- und Bekleidungstransporte. In den Mittagsstunden des 15. Februar bombardierten noch einmal mehr als 200 amerikanische Flugzeuge Dresden. Ihr Hauptziel, das Treibstoffwerk Böhlen, hatten sie von Wolken verdeckt vorgefunden und so versuchten sie ersatzweise einen neuerlichen Angriff auf Dresden. Aber auch Dresden blieb unter Wolken versteckt, die Bomben fielen zerstreut in einige Stadtviertel am Stadtrand und in das Dresdner Umland.19

Im Stadtzentrum waren etwa eine Woche später unter überaus schwierigen Bedingungen die wichtigsten Durchfahrtsstraßen vom Schutt beräumt und Tausende Tote auf den vorher festgelegten Friedhöfen eingeliefert worden. Die Bergungstrupps untersuchten systematisch Straße für Straße und Keller für Keller, registrierten ihre Funde und versuchten, die Toten zu identifizieren. Angesichts völlig unzureichender Transportmittel entschloss man sich, die im Zentrum gefundenen Leichen auf großen Gitterrosten am Rande des Altmarkts zu verbrennen. Anfang März war die Mehrzahl der Opfer geborgen worden, die Verbrennungen wurden eingestellt. Knapp zwei Wochen später verfasste der zuständige Polizeibefehlshaber eine »Schlussmeldung« über die Folgen der Luftangriffe, die sorgfältig und umfassend eine grausige Bilanz aktenkundig machte: Alle Baudenkmale der Innenstadt und ein großer Teil der städtischen Infrastruktur wurden als zerstört gemeldet. Mehr als 18.000 Tote hatte man bereits bergen können. In den folgenden Monaten, vereinzelt auch in den Nachkriegsjahren, kamen weitere hinzu: Die Buchhaltung des Dresdner Feuersturms verzeichnete schließlich ca. 25.000 getötete Menschen.20

Noch während die Dresdner mühsam versuchten, die dringendsten Bedürfnissen des Weiterlebens zu befriedigen, mussten sich die provisorisch wieder arbeitenden Verwaltungen erneut den Forderungen des Krieges stellen. Weitere Dresdner Männer, die bislang als unentbehrliche Fachkräfte vom Kriegsdienst zurückgestellt waren, wurden nun zur Wehrmacht eingezogen, die Verbliebenen weiter im Volkssturm ausgebildet. Oberste Priorität für die Instandsetzungsarbeiten in der zerstörten Stadt hatte die Wiederaufnahme der durch die Luftangriffe schwer beeinträchtigten Rüstungsproduktion. Eisenbahnbautruppen der Technischen Wehrmachtshilfe, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen gelang es, die Dresdner Eisenbahnanlagen für einen Notbetrieb herzurichten. Auch der Polizeiapparat nahm seine Arbeit wieder auf. Während im Durcheinander unmittelbar nach den Luftangriffen einige der zur Deportation bestimmten jüdischen Dresdner untertauchen konnten und so Dank der Luftangriffe überlebten, wurde nun die alte Ordnung wieder hergestellt: Standgerichte verurteilten Plünderer mit dem Tod, geflohene politische Gefangene wurden wieder aufgegriffen und im April 1945 die verbliebenen KZ-Häftlinge auf Todesmärsche in Richtung Süden geschickt. Derweil deklarierten die Behörden 17 Bereiche der Stadt, in denen jedes Beräumen mit den vorhandenen Mitteln als unmöglich eingeschätzt wurde als »Tote Gebiete«. Darunter befand sich das gesamte Altstädter Stadtzentrum.21

IX.

Als die Nachrichten von der Dresdner Katastrophe im Berliner Propagandaministerium eintrafen erkannte man dort rasch, dass aus dem Geschehen erheblicher propagandistischer Nutzen gezogen werden konnte. Ab dem Nachmittag des 14. Februar 1945 startete Goebbels‘ Stab eine Propagandakampagne mit den Luftangriffen gegen Dresden als Hauptthema, die in wechselnden Nuancierungen fast zwei Monate anhalten und überaus erfolgreich sein sollte. Sofort wurde Dresden als einzigartige, unschuldige Kunststadt ohne jede Bedeutung für den Krieg behauptet, deren Zerstörung daher militärisch vollständig sinnlos sein musste. Die deutschen Propagandisten konnten dabei auf Dresdens Ruf als Kulturort von europäischem Rang vertrauen, der jede andere Bedeutung der Stadt nachdrücklich überstrahlte und eine weltweite Aufmerksamkeit sicherte. Tatsächlich war das Dresdner Schicksal über Wochen hinweg beinahe täglich in den Medien der neutralen und alliierten Länder präsent. Über die Berliner Korrespondenten der neutralen Presse lancierte Goebbels Ministerium dramatische Schilderungen des Geschehens und vielfach überhöhte Zahlen der Dresdner Toten. So erzeugte die deutsche Propagandakampagne nicht nur Irritationen in der Öffentlichkeit der alliierten Staaten, sondern positionierte zudem die Zerstörung Dresdens als nachhaltig wirkendes Entlastungsargument für die Verbrechen der nationalsozialistischen Führung.22

Während die deutsche Auslandspropaganda mit ihrer Dresden-Kampagne also bereits die Auseinandersetzungen der Nachkriegszeit vorbereitete war der Krieg für die Dresdner noch nicht vorbei. Am 2. März griffen mehr als 400 amerikanische Bomber die Stadt erneut als Ausweichziel an. Mehr als einen Monat später, am 17. April 1945, richtete sich der massivste Luftangriff des Krieges gegen die Dresdner Eisenbahnanlagen. Den amerikanischen Bomberverbänden gelang es dabei, das Dresdner Eisenbahnnetz fast vollständig auszuschalten. In den angrenzenden Wohnvierteln starben erneut Hunderte Menschen. Am Tag zuvor hatte der sächsische Gauleiter Dresden zur Festung erklärt und den Einwohnern die seit Monaten vorbereitete militärische Verteidigung der Stadt »mit allen Mitteln und bis zum letzten« zur Pflicht gemacht. Täglich mussten die Dresdner nun Panzergräben ausheben und Verteidigungsstellungen bauen. In der Stadt herrschten Angst und gespannte Erwartung – im Westen näherten sich die amerikanischen, im Osten die sowjetischen Truppen. Während in den Straßen Berlins gekämpft wurde, während Hitler Selbstmord beging und sich die alliierten Fronten nordwestlich Dresden vereinigten wurden in Dresden weiter wahnwitzige Durchhalteappelle gedruckt und gegen diejenigen, die sich ihrer vermeintlichen Pflicht entziehen wollten, hart durchgegriffen. Am 6. Mai erhielten die Einheiten des Dresdner Festungsbereiches den Befehl zum Rückzug in das Erzgebirge südlich der Stadt. Am Tag darauf sprengten die abziehenden deutschen Soldaten die Dresdner Elbbrücken und lieferten sich noch schwere Gefechte mit den Angriffsspitzen der Roten Armee. Am 8. Mai 1945, nur Stunden vor der deutschen Kapitulation, wurde Dresden endgültig von sowjetischen Truppen besetzt. Der Krieg war vorbei.23

X.

Im Sommer 1945 wiesen die bizarren Ruinenfassaden und weiten Gesteinshalden der Dresdner Trümmerlandschaft exemplarisch auf die Bilanz des Krieges. Konfrontiert mit kollektiver oder gar eigener Schuld, in Anspruch genommen von den Entbehrungen des Weiterlebens und dem mühsamen Wiederaufbau blieb den Dresdner Überlebenden keine Gelegenheit zu gemeinsamer Trauer.

Das historische Geschehen, dass einen tiefen Einschnitt in den Biografien der Betroffenen hinterlassen hatte, war bereits zum Symbol geronnen und wurde schon wenige Monate nach Kriegsende neuerlich propagandistisch benutzt – nunmehr von den neuen Machthabern in Ostdeutschland. Das sollte typisch für die folgenden Jahrzehnte werden. Im An- und Abschwellen der politischen Konfrontationen des Kalten Krieges, in den Richtungswechseln der aktuellen Tagespropaganda war das öffentliche Erinnern an den Dresdner 13. Februar 1945 strikt auf die vorgegebenen Deutungen der DDR-Staatspartei ausgerichtet. Gedenken wurde erlaubt, ja gefordert, solange es den propagandistischen Absichten hilfreich schien, oder verweigert und unterdrückt, wenn es zu Haltungen führte, die der Staatsführung missliebig waren. Die persönliche Trauer und das abweichende Nachdenken über das Erlebte wichen so in den privaten Raum der Familien und in die geschützte Nebenöffentlichkeit der Kirchen und Künste aus. Folgerichtig wurde das öffentliche Erinnern im letzten Jahrzehnt der DDR zum Gegenstand der innenpolitischen Auseinandersetzungen zwischen einer wachsenden Opposition und dem Staat. Auch außerhalb der DDR und der Ost-West-Konfrontation blieb das Symbol der Zerstörung Dresdens geläufig. Es diente weltweit als Argument in allen möglichen Diskursen, wurde vielfach künstlerisch reflektiert und blieb entlang der Konjunkturen der Jahrestage in den Medien präsent.24

Das ist bis heute so. Im Scheinwerferlicht der Fernsehkameras und in vielfältigen internationalen Vernetzungen steht das Dresdner Erinnern stellvertretend für die Suche nach einer europäischen Identität, die sich wesentlich auch auf der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges gründet. Das Gedenken der Dresdner selbst wurde und wird nachdrücklich von der Sehnsucht der Überlebenden nach Frieden geprägt, von ihrer Mahnung des »Nie wieder«. Im Wissen um die historischen Bezüge, um die Verstrickungen und Bedingtheiten auch der Dresdner Geschichte, schließt dies ein Bekenntnis zur Verantwortung ein: Gegen Gewalt und Rassismus, für eine menschenwürdige und friedliche Gesellschaft.

[1] www.google.de, 25.11.2006 – Suche nach den Begriffen »Dresden«, »Zerstörung« und »destruction«, beschränkt auf den Haupttext von Internetseiten.

[2] Die Fotografie von Richard Peter wurde 1949 erstmals seinem Buch »Dresden – Eine Kamera klagt an« publiziert. Sie gilt heute als eine der Ikonen der Fotografiegeschichte des 20. Jahrhunderts und wird zahlreich zitiert.

[3] Matthias Neutzner (Hg.): Martha Heinrich Acht – Dresden 1944/45. Dresden 2003, S. 9.

[4] Kurt Vonnegut: Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug. Berlin 1983, S. 147.

[5] National Archives Kew, England, NAK AIR 34/616.

[6] Vgl. Herrmann Rahne: Zur Geschichte der Dresdner Garnison im Zweiten Weltkrieg 1939 bis 1945. In: Stadtmuseum Dresden (Hg.): Verbrannt bis zur Unkenntlichkeit. Altenburg 1994, S. 121–133.

[7] Vgl. Neutzner, Martha Heinrich Acht, S. 49ff.

[8] Vgl. dto., S. 55.

[9] Vgl. dto., S. 63.

[10] Vgl. Norbert Haase, Stefi Jersch-Wenzel, Hermann Simon (Hg.): Die Erinnerung hat ein Gesicht. Fotografien und Dokumente zur nationalsozialistischen Judenverfolgung in Dresden 1933 – 1945, Leipzig 1998.

[11] Vgl. u.a. Heinz Schulz: Rüstungsproduktion im Raum Dresden 1933 – 1945. In: Arbeitskreis Sächsische Militärgeschichte e.V. (Hg.), Militärhistorische Schriften, Heft 11, Dresden 2003. Walter Wiessner, Reinhard Balzk: Zwangsarbeiter in Dresden. Dresden 2004.

[12] Norbert Haase, Birgit Sack (Hg.): Münchner Platz, Dresden. Die Strafjustiz und der historische Ort. Leipzig 2001.

[13] Vgl. Neutzner, Martha Heinrich Acht, S. 23ff.

[14] Vgl. dto., S. 17ff., 27ff.

[15] Vgl. dto., S. 35ff., S. 67ff.

[16] Vgl. dto., S. 71ff.

[17] Vgl. Götz Bergander: Dresden im Luftkrieg. Weimar, Köln, Wien 1994, S. 112ff.

[18] Vonnegut, Schlachthof 5, S. 174.

[19] Vgl. Neutzner, Martha Heinrich Acht, S. 75ff.

[20] Vgl. dto., S. 91ff.

[21] Vgl. dto. S. 95.

[22] Vgl. Matthias Neutzner: Vom Alltäglichen zum Exemplarischen. In: Oliver Reinhard, Matthias Neutzner, Wolfgang Hesse (Hg.): Das rote Leuchten – Dresden und der Bombenkrieg. Dresden 2005, S. 110ff.

[23] Vgl. Neutzner, Martha Heinrich Acht, S. 101ff., S. 105ff. (siehe Literaturverzeichnis)

[24] Vgl. Matthias Neutzner: Vom Anklagen zum Erinnern. In: Oliver Reinhard, Matthias Neutzner, Wolfgang Hesse (Hg.): Das rote Leuchten – Dresden und der Bombenkrieg. Dresden 2005, S. 128ff.